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Marfanähnliche Erkrankungen

Ähnliche Bilder – wichtige Unterschiede

Mehrere Erkrankungen ähneln dem Marfan-Syndrom, verlaufen aber anders und werden anders behandelt. Eine genaue Einordnung – oft mithilfe der Humangenetik – entscheidet darüber, wie engmaschig kontrolliert wird und worauf im Alltag zu achten ist.

Warum die Abgrenzung wichtig ist

Lange Gliedmaßen, überbewegliche Gelenke, eine erweiterte Aorta oder Augenveränderungen kommen bei mehreren Bindegewebs- und Stoffwechselerkrankungen vor. Die Behandlung unterscheidet sich jedoch deutlich: Beim Loeys-Dietz-Syndrom wird früher operiert als beim Marfan-Syndrom, beim vaskulären Ehlers-Danlos-Syndrom werden Eingriffe möglichst vermieden, und die Homozystinurie lässt sich mit Diät und Vitaminen behandeln. Wer die richtige Diagnose kennt, bekommt die richtige Vorsorge.

Kurz gesagt

Die klinische Untersuchung liefert den Verdacht, die Genetik liefert die Einordnung. Erst beides zusammen ergibt einen belastbaren Vorsorgeplan.

Überblick: marfanähnliche Erkrankungen

ErkrankungHauptmerkmaleAortenrisiko
Loeys-Dietz-Syndrom (LDS) Erst 2005 als eigenes Krankheitsbild beschrieben, davor oft als Marfan eingeordnet. Ursache sind Veränderungen im TGF-beta-Signalweg (u. a. TGFBR1, TGFBR2, SMAD3). Typisch sind geschlängelte und erweiterte Arterien an mehreren Stellen des Körpers, weiter Augenabstand und eine gespaltene Uvula. Hoch – engmaschige Kontrollen, Operation oft bei kleineren Durchmessern als bei Marfan
Ehlers-Danlos-Syndrome (EDS) Gruppe von derzeit 13 Formen. Überdehnbare, verletzliche Haut, überbewegliche Gelenke und gestörte Wundheilung. Betrifft vor allem das Kollagen, nicht das Fibrillin. Typabhängig. Beim vaskulären EDS (COL3A1) hoch, mit Rissgefahr auch an Darm und Gebärmutter
Homozystinurie Stoffwechselerkrankung, meist durch einen Mangel des Enzyms Cystathionin-Beta-Synthase. Linsenverlagerung (typischerweise nach unten), marfanähnlicher Körperbau, erhöhtes Thromboserisiko. Wird in Deutschland im Neugeborenenscreening erfasst und ist mit Diät und Vitaminen behandelbar. Gering – im Vordergrund stehen Thrombosen und Embolien
MASS-Phänotyp Mitralklappenprolaps, grenzwertige Aortenweite, Haut- und Skelettmerkmale. Ebenfalls durch FBN1-Veränderungen bedingt, erfüllt aber die Ghent-Kriterien für Marfan nicht. Gering und meist nicht fortschreitend – Kontrollen bleiben trotzdem sinnvoll
Beals-Hecht-Syndrom (CCA) Kongenitale kontrakturale Arachnodaktylie, verursacht durch Veränderungen im FBN2-Gen. Lange, dünne Finger, angeborene Gelenkkontrakturen und charakteristisch verknitterte Ohrmuscheln. Meist gering – einzelne Berichte über Aortenerweiterung
Shprintzen-Goldberg-Syndrom Sehr seltenes Syndrom, meist durch SKI-Veränderungen. Vorzeitiger Verschluss der Schädelnähte, marfanähnlicher Körperbau und in der Regel eine Entwicklungsverzögerung. Möglich, aber seltener als beim Marfan-Syndrom
Familiäre thorakale Aortenaneurysmen (FTAAD) Genetisch vielfältige Gruppe (u. a. ACTA2, MYH11, PRKG1) mit Aortenerweiterung ohne die übrigen Marfan-Merkmale. Fällt oft erst durch die Familiengeschichte auf. Hoch – Familienangehörige sollten mit untersucht werden
Stickler-Syndrom Kollagenbedingte Erkrankung (u. a. COL2A1, COL11A1). Starke Kurzsichtigkeit mit hohem Netzhautablösungsrisiko, Hörminderung, Gelenkbeschwerden, teils Gaumenspalte. Gering – im Vordergrund stehen Augen und Gehör

Wenn nur einzelne Merkmale vorliegen

Nicht jede Auffälligkeit gehört zu einem vollständigen Syndrom. Manche Menschen haben nur einen einzelnen Befund – etwa eine isolierte Linsenverlagerung durch FBN1- oder ADAMTSL4-Veränderungen, einen isolierten Mitralklappenprolaps oder eine familiäre Neigung zur Aortenerweiterung. Auch dann gilt: Der Befund entscheidet über die Vorsorge, nicht der Name der Diagnose.

Was du zum Termin mitbringen solltest

  • Vorhandene Arztbriefe und Befunde
  • Bildgebungs-CDs oder -Daten von Herz und Gefäßen
  • Augenbefunde, Brillenpass oder Werte der Spaltlampenuntersuchung
  • Ein Stammbaum der Familie mit ähnlichen Auffälligkeiten, plötzlichen Todesfällen oder Aortenoperationen

Das erspart Doppeluntersuchungen und beschleunigt die Einordnung.

Wo du Klarheit bekommst

Bei Verdacht auf das Marfan-Syndrom oder eine marfanähnliche Erkrankung ist ein spezialisiertes Zentrum die richtige Adresse. Dort arbeiten Kardiologie, Augenheilkunde, Orthopädie und Humangenetik zusammen und können die Befunde gemeinsam einordnen.

Klinikliste öffnen Humangenetische Beratung finden

Grundlage: revidierte Ghent-Nosologie 2010 (Loeys et al., Journal of Medical Genetics) sowie die aktuelle EDS-Klassifikation von 2017. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung.