Die vier Phasen im Überblick
Vor der Schwangerschaft
Aorta und Herzklappen gezielt untersuchen lassen, Medikamente umstellen, genetische Beratung wahrnehmen.
Während der Schwangerschaft
Engmaschige kardiologische Kontrollen der Aortenweite, enge Abstimmung mit dem Marfanzentrum.
Geburt planen
Geburtsmodus und Klinik früh festlegen – an einem Haus mit Erfahrung in genetischen Aortenerkrankungen.
Zeit danach
Auch in den Wochen nach der Geburt bleibt das Aortenrisiko erhöht: Kontrollen, Entlastung, klare Notfallkontakte.
Vor der Schwangerschaft
Vieles entscheidet sich, bevor die Schwangerschaft beginnt. In einem Vorabgespräch am Marfanzentrum werden Aortenweite, Herzklappen, Medikamente und die Betreuung während der Schwangerschaft gemeinsam besprochen.
Der wichtigste Einzelwert ist der Durchmesser der Aortenwurzel. Ab etwa 45 Millimetern wird in der Regel geraten, die Aorta vor einer Schwangerschaft operativ zu versorgen. Zwischen 40 und 45 Millimetern hängt die Empfehlung vom Einzelfall ab – von der Wachstumsgeschwindigkeit, von Dissektionen in der Familie und von der Körpergröße. Auch unterhalb dieser Werte bleibt ein Restrisiko, das sich nicht auf null senken lässt.
Medikamente: umstellen, nicht absetzen
Sartane wie Losartan sind in der Schwangerschaft nicht geeignet und müssen vor der Konzeption umgestellt werden. Betablocker gelten als besser verträglich und werden häufig weitergegeben, wobei das kindliche Wachstum kontrolliert wird.
Gerinnungshemmer wie Phenprocoumon (Marcumar) sind fruchtschädigend. Wer eine mechanische Herzklappe hat, darf sie deshalb trotzdem nicht eigenmächtig absetzen – hier ist die Umstellung komplex und muss kardiologisch geplant werden. Bespreche jedes Medikament, bevor du die Verhütung beendest.
Während der Schwangerschaft
Blutvolumen und Herzleistung steigen, gleichzeitig lockern Hormone das Bindegewebe – beides belastet die Aortenwand zusätzlich. Deshalb wird die Aortenweite regelmäßig im Ultraschall kontrolliert, mindestens einmal pro Trimester, bei erweiterter Aorta deutlich häufiger. Das höchste Risiko besteht im letzten Drittel der Schwangerschaft und in den ersten Wochen nach der Geburt.
Sofort in die Notaufnahme
Plötzlich einsetzende, reißende oder wandernde Schmerzen in Brust, Rücken oder Bauch müssen umgehend abgeklärt werden – auch dann, wenn sie nach Schwangerschaftsbeschwerden klingen. Weise in der Notaufnahme aktiv auf das Marfan-Syndrom hin und zeige den Notfallausweis.
Die Geburt
Der Geburtsmodus richtet sich nach der Aortenweite. Bei unauffälliger Aorta ist eine vaginale Geburt meist möglich, oft mit Periduralanästhesie und verkürzter Austreibungsphase, um starkes Pressen zu vermeiden. Bei deutlich erweiterter Aorta oder nach einer Dissektion wird in der Regel ein geplanter Kaiserschnitt empfohlen.
Ein Punkt, der leicht übersehen wird: Eine Duraektasie – die bei Marfan häufige Erweiterung der harten Rückenmarkshaut – kann dazu führen, dass eine Periduralanästhesie schlechter wirkt. Das gehört ins Vorgespräch mit der Anästhesie, nicht in den Kreißsaal.
Nach der Geburt
Die Aorta bleibt in den ersten Wochen nach der Entbindung besonders gefährdet, deshalb sind Kontrollen auch im Wochenbett wichtig. Schweres Heben und starke körperliche Belastung sollten in dieser Zeit vermieden werden – was mit einem Neugeborenen leichter gesagt als getan ist und ein Grund mehr für organisierte Unterstützung im Alltag. Stillen ist grundsätzlich möglich; gängige Betablocker sind damit vereinbar.
Vererbung und Familienplanung
Jedes Kind eines betroffenen Elternteils hat eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, das Marfan-Syndrom zu erben. Eine humangenetische Beratung erklärt, welche Wege es gibt – von der vorgeburtlichen Diagnostik bis zur Präimplantationsdiagnostik, die in Deutschland unter engen Voraussetzungen und nach Prüfung durch eine Ethikkommission möglich ist. Die Beratung ist ergebnisoffen: Sie soll informieren, nicht in eine Richtung drängen.
Wenn die Antwort schwer ausfällt
Manchen Frauen wird nach der Untersuchung von einer Schwangerschaft abgeraten, oder der Weg dorthin führt erst über eine Aortenoperation. Das ist eine harte Nachricht, und sie trifft eine Entscheidung, die zutiefst persönlich ist. Du musst damit nicht allein zurechtkommen – unsere Beratung begleitet auch diese Gespräche, und der Austausch mit anderen Betroffenen hilft vielen mehr als jede Statistik.
Infotelefon: 0800 7613344 – kostenfrei aus dem deutschen Netz.
Grundlage: ESC-Leitlinien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Schwangerschaft und zu Aortenerkrankungen sowie die revidierte Ghent-Nosologie 2010. Die genannten Werte sind Orientierungsgrößen – die Beurteilung erfolgt immer individuell. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung.
